Eine Debatte um Schule und Klima von oben herab: Das haben das Publikum und eine engagierte Jugendliche am Freitag gerade noch verhindert.

Freiberg.Es war eine Zuhörerin der Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung mit Kultusminister Christian Piwarz (CDU) am Freitagabend in Freibergs Nikolaikirche, die zuerst die Frage aufwarf, warum keine Jugendlichen auf dem Podium saßen, sondern nur Erwachsene, die sich „allwissend“ gaben. Geistesgegenwärtig nahm Mike Moncsek, AfD, der im Publikum saß, die Vorlage auf: „Ist hier jemand von Fridays for Future?“ Entschlossen ging die Hand von Jördis Thümmler hoch, 17 Jahre, Geschwister-Scholl-Gymnasium,. „Auf die Bühne“, rief Moncsek. „Wegen euch sind wir doch alle hier!“ Die Diskussion war schon zur Hälfte durch, da wurde vorn der fünfte Stuhl herbeigeschafft.

Man habe Fridays for Future (FFF) kontaktiert, aber keine Antwort erhalten. So rechtfertigte sich Joachim Klose, Landesbeauftragter der Konrad-Adenauer-Sitzung für Sachsen und Moderator des Abends, dem knapp 70 Interessenten folgten. Jördis Thümmler sagte, bei der Freiberger FFF-Gruppe habe es keine Nachfrage gegeben. Vielleicht beim bundesweiten Netzwerk, das sei nicht auszuschließen. Nach wirklichem Bemühen klang das nicht.

So ließ sich die Veranstaltung, sechs Monate nach den ersten Klimastreiks in Deutschland, konventionell an: ein pastoraler Moderator, ein Staatsminister als Zugpferd von Rang, ein Fachwissenschaftler (der souverän den Jugendlichen Schützenhilfe leisten würde) und ein örtlicher Abgeordneter, der sein Grußwort ablas. Dabei übersetzte Steve Ittershagen, der für die CDU im Landtag sitzt, das Anliegen der FFF kurzerhand mit „E-Mobilität“, nannte die deutschen Umweltgesetze „umfänglichst“ und den sorgsamen Umgang mit Ressourcen „selbstverständlich“. Hunderte FFF-Gruppen in Deutschland, hunderttausende Schüler auf der Straße, wissenschaftliche Erkenntnisse, auf die sich FFF bezieht, schienen nach diesen Worten bei Ittershagen keine Resonanzen hervorzurufen – auch im späteren Verlauf des Abends nicht.

Es dürfte diese fast eingekapselt zu nennende Haltung sein, die ungewollt für Fridays for Future mobilisiert. Natürlich ist die Lage ernst, die grundlegenden Erkenntnisse liegen seit Jahrzehnten vor, die Lösungen sind alle bekannt und trivial, man müsste es nur machen: Das erklärte Jörg Matschullat, Professor für Geochemie und Geoökologie der Bergakademie Freiberg in knappen, eindringlichen Worten. Matschullat sagte „heftige Entwicklungen“ bereits bis 2050 voraus, Veränderungen des Wasserhaushalts, Verluste an Biodiversität und damit eine Verminderung der Fähigkeit unseres Ökosystems, „Stress zu puffern“.

Angesichts solcher Gewissheiten mitzuerleben, mit welchem Eifer der Kultusminister das Wort Klima-„streik“ kritisiert oder sich an der Person der jungen Aktivistin Greta Thunberg abarbeitet (Matschullat konterte trocken: „Das ist unfair. Einer 16-Jährigen werfe ich gar nichts vor!“) – das zeigt, wie tief der Graben zwischen vielen Jugendlichen und manchen Politikern immer noch ist.

„Es war keine schlechte Debatte“, resümierte Jördis Thümmler. „Aber es wurde wieder viel an den eigentlichen Problemen vorbeigeredet!“

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Quelle: https://www.freiepresse.de/mittelsachsen/mittweida/ueber-die-koepfe-und-ums-problem-herum-artikel10542884